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SUBTILE AESTHETIC BEDROHLICHE BOTSCHAFT .
FAUSTO SALVI
Gerade - im Juni 2003 - hat Fausto Salvi den "Silver Price Ceramic as Expression" bei der World Ceramic Biennale in Korea gewonnen. Durch das studium in Faenza blieb der dieses Jahr 38-Jahrige in seiner Arbeit von Anfang an der Majolika verbunden, die in Italien im 15.bis 17. Jahrhundert in Blute stand. Zunachst eingentlich nur Importware aus Mallorca ( daher der name ), wurde der Begriff Majolika zunachst auf die gesamte italienische Produktion angewendet und war bald ein typisches Produkt der italienische Renaissance. Bernard Leach auberte einst etwas herablassend, die italienische Majolika mute gemeinhin schwachlich an, geziert und eng verbunden mit drittklassiger Renaissance-Malerei - Fausto Salvi freilich kannte er noch nicht. Stilbildende Werkstatten waren in Italien Faenza (Fayance) und Urbino, hier wurden vor allem Geschirre, Prunk-und Schaugerate, pothekergefabe und Fliesen, seltenes Figuren hergestellt. Jedem kunstinteressierten italienreisenden durfte die Familie der Della Robbia ein Begriff sein fur Fayance-Plastik, vor allem auch als Fassadenschmuck. Die freie Malerei in Unterglasurfarben - manier al fresco - auf dem rohenScherben erfordert einen sicheren Pinselstrich, da die Glasurschicht die Farben aufsaught und Korrekturen fast nicht moglich sind. Fur Fausto Salvi, einen Kunstler mit hochsensiblem Farbgefuhl und Materialempfinder, der Standig im Bereich der traditionellen Keramik experimentiert, ist dies das ideale Spielfeld. Die Tradition der Majolika und andererseit die aktuelle, zeitkritische aussage, orientiert zu sein an den Moglichkeiten des materials und einer Form von heute - darin sieht er keinen Widespruch. Die Themen findet er in den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, sein Handwerk, sein material sieht er als Mittel zum Zweck, seine Kritick kunslerisch zu formulieren. Dekor bleibt nicht Dekor per se, sondern transportiert Inhalte, wobei Salvi sich auf die kunstlerische Tradition von Groteske und Symbol berufen kann. Seiner experimentierlust sind keine Grenzen gesetzt, sei es Material-Mix bei Mobeln, Paravents oder Lampen oder die Kombination von Keramik und Fotografie, woran er gerade arbeitet. Biotechnologie, die Entwicklung der Wissenschaften, Globalisierung, die Eingriffe des menschen in die Natur mit ihren unubersehbaren, irreversiblen Folgeschaden und Auswirkungen auf die Gesellschaft - das sin Inhalte , die immer wieder auftauchen und sich in Salvis figurationen ausdruchen. Dabei lasst er sich von technischen oder organischen Eindruken ebenso anregen wie etwa von Beispielen der Antike. Salvi teilt sein mittlerweile enorm unfangreiches Werk in mehrere Themengruppen ein. Es gibt fruhe Arbeiten, Vasen und Saulen, die uberzogen sind von einem Gespinst feinsterZeichnung. Sie sind insipiriert von japanischer Malerei oder auch von den Grotesken der italienischer Renaissance. Diese peinlich genaue, feine Zeichnung wendet er wor allem auch bei den Keramiken der Gruppe "Knoten und Bander" an. Dies sind Gefabe, brite ring formen und ubermannshohe Saulen, die uberzogen sind von einem Netzwerk aus Knoten und Geflecht, quasi endlos in Form und Dekor. In einem ausgewogenen Rhythmus breitet sich dieses Gitter auf den weiben, seidig-glanzenden Oberflachen aus, die von dichten Craqueluren in Gold- und Kupfertonen bedeckt sind. Die Blutenstande der "Beobachter-und-Spaherflanzen" von "Spy-Game" hingegen tragen regelrechte Augen. Solche "Bluten" bedecken etwa auch, globflachig angeordnet, eine ganze Big Brother-Wand.Eine beunruhigende Ausstrahlung haben auch die "VegetalisperiMentali" . Die bezeichnung spielt mit den Worten "Pflanze", "Experiment" und "Geist" und zie auf die unhabsehbaren Folgen der Gentechnik. Montros wuchernde Topfpflanzen- homogen das material und die Farbe von Planzenform und Topf-, schuren atavistische Angste. Auch mit diesen Organismen, die von einem anderen Stern zu sein scheinen, lasst Salvi eine quasi parallele Welt enstehen. Eine, die vom Menschen erschaffen scheilt, auf der er selbst aber keinen Platz mehrfindet. Es ist der Hexenmeistereffekt, an den man erinnert wird: Die Geister, die er rief, haben den Menschen selbst vertrieben. Die grotesken Formen lassen diese Monsterpflanzen lebendig bewegt erscheinen, ald seien sie Comics entstiegen. Ein ironischen Element, das Salvi immer wieder benutzt, um das Material zu emotionalisieren. Die Dinge werden zu Hausgeistern im Sinne von bleibenden Eindringlingen. Im "Menschen und Desaster" sind verformte Raumendringlinge versammelt und besetzen diesen. Wie Salvis "Quadratische Schadel" sind sie kubisch angelegt und thematisieren zum einen die Verzerrung der Perspektive, sie wirken bedrohlich und assoziieren entfernt die Vorstellung von Kafig und Verschlossenheit. Andererseit lassen sie das Individuum als genormte Stapelware erscheinen. Diese Mischung von subtiler Asthetik und bedrohlicher Botschaft zieht sich durch Salvis ganzen Werk. Elegante gefabe sind mit feinster Zeichnungen uberzogen, die sich bei genauem Hinsehen als grausame Darstellungen von Krieg und Zerstorung entpuppen, penibel gezeichnete Bilder einer Welt voll technischer Aggression und menchlicher Kalte. "Minimarket" steht hier als Paradestuck humaner Infamie. Bravangeordnet wie in einem Seltzkasten listen die Majolika-Tafelchen fein sauberlich ein Waffenarsenal von Bomben, raketen und Projectiltypen auf wie teuflisches Spielzeug, klinisch saubere, beangstigende Bauklotzchen mit der Aufforderung zum Zerstoren. Fausto Salvi sieht sich als Kunstler in der Verantwortung, Stellung zu bezieheen, und er benutzt dazu ganz bewusst traditionelle Methoden. Er will zeigen, dass man sehr wohl neue probleme mit bewahrten Techniken angehen kann, dass mit dem alten Material Ton und tradierter ikonografie die komplexen Zusammenhange hochst aktueller Probleme darstellen kann und das mit hohem asthetischem Anspruch.
Ines Kohl
Keramik Magazine - 25.
Jahrgang. n.25
2003 Oktober / November